ALYTUS PSYCHIC STRIKE BIENNIAL #6
AUGUST 18-23 /// 2015 /// RUGPJŪČIO 18-23

ATTACK WHITE SUPREMACIST CULTURE!
NETWORK GLOBALLY, KNOTWORK LOCALLY!
DEVELOP SOLIDARITY TOWARDS REVOLUTIONARY ANIMISM!
ALL (IN)ORGANIC COMRADES UNITE!


وحدةDAMTP – DATA MINERS & TRAVAILEURS PSYCHIQUE WAHDAT وحدة

Author

Otto Karl Kamal






Historisch betrachtet, seit wann/ wie werden in Gesellschaften Kunst und Kultur als Protestformen gebraucht?

Es ist schwer zu sagen, wie in der Antike zum Beispiel der künstlerische Protest umgesetzt wurde, da die Überlieferung in Bezug auf diese Frage durchaus spärlich ist. Wir wissen, daß es kritische Positionen in Politik und Kultur gegeben hat, aber wie exakt mögliche Formen von künstlerischem Protest ausgesehen haben mögen können wir heute nicht mehr sagen. Zählt man die Rhetorik zu einer künstlerischen Disziplin so sei Isokrates und seine Rhetorik-schule genannt, die eine progressive Alternative zu etablierten Strukturen (Akademie von Platon) darstellte und innovative Formen kultureller Organisation erarbeitete.

Meines Erachtens war die Kritik und andere Werkzeuge künstlerischen Protestes implizit in jeder künstlerischen Epoche, mehr oder minder, gegenwärtig. Im Mittelalter (bis einschließlich des Barock) wurde viel mit versteckten Symbolen gearbeitet. Es gab daher nur wenig öffentliche Kritik an herrschenden Strukturen wie Kirche oder feudalem Staat. Eine der wenigen bekannten Ausnahmen ist ein Werk von Peter Brueghel: „Kampf zwischen den Geldsäcken und Schatztruhen“, welches eine offene Denunziation des Krieges, als Mittel zur ökonomischen Bereicherung darstellt und bis heute seine entlarvende Aktualität beibehält.

Ich denke die erste Person in der Neuzeit, die die Denuziationsfähigkeit der Kunst erkannt und ganz bewusst kritische Kunst in vielen Zyklen ihres Schaffens eingesetzt hat, war Francisco Goya. Er war auch in der Lage mittels des Metalldruckes eine beachtliche Zahl an Reproduktionen seiner Arbeit zu veröffentlichen. Doch die massive Breite einer kritischen Kunst als gesellschaftliches Phänomen, oder einer künstlerischen Bewegung, kommt erst in der Moderne auf, mit stilistischen Rupturen, wie dem „Dada“, der „neuen Sachlichkeit“, oder der „russischen Avantgarde“ unter anderen. Die Plakatkunst, hierzulande hauptsächlich durch Heartfield vertreten, wird zum wichtigsten Werkzeug in der kritischen Kunst des 20ten Jahrhunderts. Vorläufer hiervon sind die künstlerischen und kulturellen Bewegungen um die Pariser Kommune.

Wie weichen die heutigen Formen von damals ab?

Die aktuellen Strömungen in der kritischen Kunst bedienen sich der Mittel der postmodernen Stile und Parameter und sind meist an situationistischen Positionen und Methoden angelehnt. Dennoch herrscht so etwas wie eine Doktrin der Medialisierung (Spektakularisierung) der kunst-aktivistischen Vermittlungsarbeit. Sprich, es herrscht ein markt- und medieneffizienter Faktor, der nicht ungeachtet bleiben kann. Grundmechanismen des kapitalistischen Propagandasystems, das die Freiheit der Kunst zwar nach außen proklamiert und fördert, gleichzeitig aber, kognitiv-dissonant unterminiert und somit neutralisiert.

Es unterminiert die Freiheit der Kunst durch die Doktrin der Verwertungslogik, welche eine freie Entfaltung künstlerischer Innovation durch Sachzwang-gebundene Zusammenhänge gar nicht erst zulässt und nicht in der Lage ist die nötigen Parameter für eine freie Entfaltung zu schaffen. Ferner werden Situationen und Aktionen produziert die zu medialen Konsumgütern degradiert werden und bald wieder aus dem (kollektiven) Gedächtnis verschwunden sind. Es müssen immer neuere, spektakulärere Aktionen entworfen werden, die wie Events von regionalen und manchmal auch internationalen Presseorganen aufgenommen werden. Eine nachhaltige Recherche bei einzelnen Themen wird oft unterlassen. Kognitive Dissonanzen bilden häufiger den Grundbaustein der kunst-aktivistischen Arbeit, statt auf fundamentierter Recherche basierendes Wissen.



Wenn zum Beispiel ein „Zentrum für politische Schönheit“ auf der BB7 gegen die Besitzerfamilie vom Waffenhersteller Kraus Maffei Wegmann eine Kampagne fährt, aber in den Interviews erklärt, daß sie ja nicht generell gegen den Handel mit Waffen sind, wie in diesem speziellen Fall der Panzer für Saudi Arabien, dann ist keine Glaubwürdigkeit in der politischen, oder politisch motivierten Kunst zu erwarten. Diese Gruppe ist eines der offensivsten Künstlerkollektive in Sachen Migrationspolitik mit medial Aufsehen erregenden Aktivitäten, denen viele Aktivist_innen in jüngster Vergangenheit gefolgt sind, um dann kürzlich in einem Interview von Herrn „Luftkriegs-Humanist“ Ruch zu erfahren, daß man ja militärische Operationen im Syrischen Luftraum begrüßt und diese sogar erweitert werden sollten. (Shermin Langhoffs "Kulturzeit" Geburtstagssendung am 2. Oktober 2015) Für eine progressive, kritische Kultur sehr krude Thesen, vor allem auch deswegen, weil mit keinem Wort auf die Ursachen dieser Kriege eingegangen wird, die letztendlich, die nicht enden wollenden Flüchtlingsströme auslösen. Es handelt sich hierbei um eines der Hauptthemen dieser Gruppe die ihre angeblich kritische Arbeit eben nicht über den medialen Hype hinaus denkt. So stellt sich die Frage nach dem Zweck dieser aktivistischen Aktionen, mal abgesehen vom Füttern des Künstleregos, welches auch als Kollektiv seine volle Wirkung entfalten kann.

Read more Der Einfluß, den künstlerischer Protest heute haben kann, geht immer einher mit der medialen...